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Konzert: Das Traumlied des Olaf Åsteson

Das Traumlied des Olaf Åsteson
Gotthard Killian, Gesang und Violoncello

Datum und Zeit:

Freitag, 02. Januar, 19:30 Uhr
Eintritt frei, Kollekte

Das „Traumlied des Olaf Åsteson“ ist ein besonderes Zeugnis nordischer Dichtung, das im 19. Jahrhundert in Norwegen als Teil des Volksliedguts gesammelt wurde. Doch vieles spricht dafür, dass seine Wurzeln viel weiter zurückreichen – vermutlich bis ins Frühmittelalter. Die Bilder, die in diesem Lied aufscheinen, wirken uralt und gleichzeitig seltsam vertraut: Sie erinnern an die Visionen der Apokalypse des Johannes, an Dantes Reise durch Himmel und Hölle in der „Divina Commedia“, an die symbolischen Prüfungen in der „Zauberflöte“ – aber auch an moderne Berichte von Nahtoderfahrungen.

Olaf Åsteson schläft an Weihnachten ein – in einer Zeit, die seit jeher als besonders gilt, als geheimnisvoll. Die zwölf heiligen Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar, in der Volksüberlieferung als Rauhnächtebekannt, gelten als Tage, in denen der Himmel „offensteht“, als sei der Schleier zur geistigen Welt in diesen Nächten besonders durchlässig. In diesem Zwischenraum, fern vom Alltäglichen, tritt Olaf in einen tiefen Schlaf,in dem er eine gewaltige innere Reise erlebt. Eine Reise durch himmlische und höllische Regionen, durch lichtvolle und schmerzhafte Begegnungen, voller Prüfungen, Einsichten und Läuterung.

Was Olaf sieht und durchlebt, ist kein blosser Traum. Es ist eine Initiation, eine Art seelische Einweihung. Er begegnet wilden Tieren, muss eine schmale Brücke überqueren, er schaut das Leid verstorbener Seelen, fühlt tiefste Erschütterung, aber auch Trost und Erlösung. Alles deutet darauf hin: Dies ist kein gewöhnlicher Mensch, und dies ist kein gewöhnlicher Schlaf. Es ist ein Durchgang, ein Hinübergehen in eine andere Wirklichkeit.

Rudolf Steiner wurde durch eine norwegische Dichterin auf das Traumlied aufmerksam. Ihn berührten die Bilder und der geistige Gehalt so tief, dass er beschloss, eine deutsche Nachdichtung zu schaffen – nicht als Übersetzung, sondern als schöpferische Nachgestaltung, die dem ursprünglichen Wesen des Liedes gerecht werden sollte. Steiner sah darin mehr als nur ein Stück Volksdichtung. Für ihn war es ein lebendiges Zeugnis einer frühchristlichen Einweihung, einer seelischen Schulung, wie sie auch in den Mysterien Traditionen anderer Kulturen anklingt. Es geht um nichts Geringeres als den Weg des Menschen in die geistige Welt – ein Weg, der nur durch aufrichtige Selbsterkenntnis betreten werden kann. Wer sich aufmacht, diesen Weg zu gehen, muss zuerst die eigenen Abgründe erkennen, bevor er über die Brücke schreiten kann, die ins Übersinnliche führt.

 

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